Prosst__

Seekirchen ist judenfrei. Der Slogan als Werbung (im typisch österreichischen Hass-Liebe-Fremdenkontext) oder vorauseilend gehorsame Meldung über rassische Säuberung der Tourismus-Gemeinde am schönen Wallersee wirkt extrem historisch ohne Vergleichbares in der Gegenwart. Unsere Recherche versucht das Vorfeld solch diktatorischer Feindbildpropaganda und rassistischer Fremdenhetze zu verstehen: Die Atmosphäre von Intoleranz und Ausgrenzung im kleinen gesellschaftlichen Rahmen (die große Historie ist geschrieben und wir verstehen trotzdem nicht, wie das alles geschehen konnte) untersucht am durchaus repräsentativen Rahmen der Stammtische und ihrer Bräuche und Rituale.

Wir fragen, wie Intoleranz und Ausgrenzung funktioniert? Wie Gesten sich zu Bräuchen verfestigen, Klischees zu tradierten Vorurteilen. Vor der sichtbaren "Uniformierung" greifen unsichtbarere "Wegbereiter":
Gesten, Bräuche, Rituale. Überraschend rasch fündig geworden sind wir beim Ritual des Biertrinkens, des Prostens und im scheinbar unbedeutenden Detail des Abstellens des Bierglases nach dem Anstoßen und vor dem Trinken. Bedeutung: Für den Fall, dass man unwissentlich und ungewollt mit Juden angestoßen hat, sollten die mit dem Zu Prosten verbundenen guten Wünsche aufgehoben werden.

Auf Einladung des Vereins Kunstbox Seekirchen setzt sich die Ateliergemeinschaft Kreisverkehr mit diesem Thema auseinander und führt Interventionen im Öffentlichen Raum durch. Eine mobile Skulptur formuliert händisch über eine Kurbel zu bedienen den genauen Vorgang, der funktionalisiert wurde: Das Prosten, das Absetzen, die Parole:
"Ka Jud am Tisch" und schließlich das Trinken.

Rituale der Zusammengehörigkeit können sehr leicht zu Ritualen der Ausgrenzung werden. So geschehen in Seekirchen vor 80 Jahren, so gesehen in Seekirchen heute. Die Konnotation des als Phänomen gleich zu lesenden Vorganges macht den Unterschied. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus erwachsen auch heute aus dem unscheinbaren Nebenprodukt der kleinen Gemütlichkeit, der "mir san mir" Alltagskultur.

Termine

Die Skulptur wird am Sonntag, den 8. November um 11 Uhr im Kulturhaus Emailwerk der Öffentlichkeit vorgestellt. Dann geht sie auf Wanderschaft durch das Bundesland Salzburg. Mit dieser Kunstaktion soll die Sensibilität für sogenannte "Public Secrets" geschärft werden, gelebte Vorgänge und Riten, die immer noch versteckte faschistische Inhalte transportieren.

DOKUMENTATION__

„Prosst“ - die Geburt eines mechanischen Biertrinkers.

Die genial simple Idee von Jakob Maria Buchner und Thomas Stadler überzeugte auch die Gäste, die am 8. November 2009 im Emailwerk Seekirchen gespannt auf die Präsentation warteten. „Zuprosten, Glas abstellen, trinken - das ist ein Ritual, das tagtäglich unhinterfragt zelebriert wird, darum hat sich das Künstlerkollektiv „Kreisverkehr“ aus Oberndorf im Auftrag des Kulturvereins Kunstbox auf die Suche nach den Hintergründen dieses Brauches gemacht - mit der gezielten Absicht, sich mit der NS-Vergangenheit im Raum Wallersee auseinanderzusetzen und zu diesem Thema „eine künstlerische Intervention für den öffentlichen Raum“ zu schaffen - die kinetische Skulptur „Prosst!“, die einen stilisierten Biertrinker zeigt. Am runden Tisch, auf den der machtvoll ausgestreckte Trinkerarm seinen Krug aufklacken lässt, kann gerne auch ein menschlicher Mittrinker Platz nehmen: nicht nur in Seekirchen. Denn der Kulturverein Kunstbox will die Skulptur auf Tournee schicken: „Wo immer jemand ein Projekt oder eine Intervention zum Thema NS-Zeit plant - wir stellen 'Prosst!' zur Verfügung.“Heidemarie Klabacher von Drehpunkt Kultur war unter den Gästen und meint: "Stammtische - das sind jene Orte, wo man immer schon gewusst hat, wie ´die da oben´ alles anders und besser und überhaupt hätten machen sollen. Ein starker Mann müsste halt her. Prost. Darauf trinken wir - unter heiterem Klacken kreuzweis’ aneinander gestoßener Bierkrüge. Kann sein, dass man da und dort nach dem Anstoßen mit dem Krug noch einmal männlich vor sich auf den Tisch haut. Damit ist zusätzlich sichergestellt, dass die guten Wünsche - „G’sundheit“ - nicht versehentlich auch zufällig anwesenden Juden zu Gute kommen. Das wird hier wirkungsvoll gezeigt. Eine scheinbar humorvoll-launige Karikatur, die in Wirklichkeit Abgründe auftut."